Category: Books



1. Die Niederlage

Am Morgen des 28. Oct. aber eilte Alles mit frischen Kräften zum neuen Kampfe. Gegen 10 Uhr Vormittags wurde der Angriff zugleich aus alle Linien der Stadt mit einer furchtbaren Kanonade eröffnet und Bomben in die Vorstädte, namentlich Wieden und Landstraße, geworfen, die auch bald in Flammen standen. Der Geschützdonner wurde bald so heftig, daß die Fenster in der Stadt sprangen und die Häuser erbebten. Mit Heldenmuth wurde überall gekämpft und der Tod nicht gescheut; wo ein Kämpfer stürzte, drängte sich auch schon ein anderer an seine Stelle; der Tod hielt eine furchtbare Ernte, besonders die Garden und Arbeiter, die wie Verzweifelte kämpften, wurden hart mitgenommen. Die Uebermacht des Militärs war zu groß und ein Häuslein nach dem andern mußte weichen, nachdem es vorher manchen braven Kamerad verloren, aber auch manchen Feind niedergestreckt hatte. Die Linien wurden endlich nach einem fürchterlichen Blutbad von dem Militär an verschiedenen Punkten gestürmt und nun begann der Kamps in den Straßen hinter den Barrikaden, gegen welche der Feind ein zerstörendes Kanonenfeuer eröffnete, während Bomben aus die Universität geworfen und die Vorstädte mit Granaten, Raketen und Shrapnels fast überschüttet wurden, wodurch viele Straßen in Brand geriethen und die Bewohner derselben entweder von den einstürzenden Häusern erschlagen oder von den Kanonenkugeln zerrissen wurden.

Illustration von Weld Taylor, in: Henry John Coke: Vienna in 1848, London 1849, S.34

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Ein Dichter, der seine eigene Grabinschrift verfasst, kann nur ein Wiener sein…

Grabinschrift

Viel genossen, viel gelitten,
Und das Glück lag in der Mitten;
Viel empfunden nichts erworben
Froh gelebt und leicht gestorben.
Fragt nicht nach der Zahl der Jahre
Kein Kalender ist die Bahre.
Und der Mensch im Leichentuch,
Bleibt ein zugeklapptes Buch.
Darum Wand’rer zieh‘ doch weiter,
Denn Verwesung stimmt nicht heiter.

Ferdinand Sauter (1804-1854)

Ferdinand Sauter (1804-1854) lebte als Dichter und Trinker in Wien und Umgebung. Ludwig Laher hat einen Roman über den im salzburgischen Werfen geborenen Sauter geschrieben. Der Titel nimmt auf das hier wiedergegebene Gedicht Bezug: Ludwig Laher: Aufgeklappt, Haymon Verlag, Innsbruck 2003,ISBN 978-3-85218-417-3


9. Oktober 2012, 19:30 Uhr
Weinhaus Sittl
1160 Wien, Lerchenfelder Gürtel 51

„Ihr werdet’s nicht glauben, was mir passiert ist.“ So beginnen Geschichten, die man in Wien erzählt. Der Betrunkene schwadroniert im Wirtshaus, die Krankenschwester flüstert der Kollegin ins Ohr, und der Taxifahrer erzählt mit ausschweifenden Nebensätzen, während er einen Umweg nach dem anderen fährt.
Um das Glauben geht es natürlich nicht. Der gelernte Wiener weiß, dass die Grenze zwischen erlebt und erfunden so fließend ist wie jene zwischen freundlich und hinterfotzig. Schließlich gibt es mehr als eine Möglichkeit, wie sich ein Fernseher in einen toten Hund verwandeln kann.
Drei Autoren haben diese Grätzelgeschichten verfasst. Jeder von ihnen ist in einem anderen Teil der Stadt aufgewachsen. So sind auch die Geschichten vielschichtig: Manche sind rührend, manche rüpelhaft, manche trotzig und hinterlistig. Sie spielen in allen 24 Bezirken, denn mit 23 haben die Autoren kein Auskommen. Und sie spielen in den überschaubaren Orten, die in Wien seit altersher als Grätzel bezeichnet werden. Gemeint ist damit die unmittelbare Umgebung, die dörfliche Struktur in der Stadt, auf gut amerikanisch: the hood.
Zum besseren Verständnis für Unkundige und Zuagraste ist ein umfangreiches Glossar beigefügt, das Manches erklärt, aber auch neue Fragen aufwirft.

Die Autoren

  • Beppo Beyerl: Geboren in Wien-Hadersdorf, schreibt Reportagen und Geschichten über die Insassen Wiens und die Bewohner der übrigen Welt.
  • Manfred Chobot: Geboren in Wien, lebt in Meidling und Ottakring, erzählt und schreibt, weil er beides lustiger findet, als sich von der Glotze berieseln zu lassen.
  • Gerald Jatzek: Geboren in Wien, aufgewachsen in der Brigittenau, schreibt und musiziert für und über Kinder, Erwachsene und Wiener.

Die Polaroidphotos wurden vom Team marshall!yeti (Ferdinand Karl & Gerald Plattner) beigesteuert

Der Hund ist tot. Grätzelgeschichten aus 24 Wiener Bezirken, Kurzgeschichten von Beppo Beyerl, Manfred Chobot und Gerald Jatzek, Löcker Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-85409-617-7


Auf dem Naschmarkt findet man nicht nur kulinarische Köstlichkeiten, man kann dort auch aktuelle Texte kennenlernen. Beim nächsten Textstand stellt Julya Rabinovich ihr aktuelles Buch vor:

  • Obst, Gemüse und Literatur bietet der Wiener Naschmarkt. Foto: – Alexander Kirk – Creative Commons

    Sie muss sich einer Herzoperation unterziehen. Ihr Mann, im Beruf als Manager erfolgreich, bringt sie ins Krankenhaus. Nach der Operation ist in ihrem Leben nichts mehr so, wie es früher war. Das ist die Ausgangssituation von Julya Rabinowichs Herznovelle.
    Sie findet sich in ihrem Leben nicht mehr zurecht. Gejagt von der Sehnsucht, erneut mit dem Mann in Kontakt zu treten, der sie gerettet hat, täuscht sie einen Herzanfall vor. Sie wird neuerlich ins Krankenhaus aufgenommen. Begegnet jenem Mann, der ihr Herz in Händen gehalten hat. Stellt ihm nach – eine Variante von Stalking.

    Julya Rabinowich breitet in ihrer Novelle gnadenlos das verwirrende Innenleben einer Frau aus, die sich in einer psychischen Ausnahmesituation befindet. Wirklichkeiten verschieben sich. Die Protagonistin verliert die Kontrolle über sich.

    Dabei wechseln Traumsequenzen mit lyrischen Passagen in einem Text über die Sehnsucht nach dem Leben vor dem Tod. Rabinowich gelingt es, das von der Trivialliteratur okkupierte Milieu des Arzt- und Krankenhausbereichs auf die Ebene einer der kunstvollsten literarischen Gattungen – der Novelle – zu retten, wobei die Schriftstellerin einen „eleganten, stellenweise herrlich ironischen Stil“ (Christian Schacherreiter) verwendet.

Julya Rabinowich: Herznovelle, Deuticke, Wien, ISBN 978-3-552-06158-3

Zeit und Ort

Montag 6. 8. 2012, 19.00 Uhr
1060 Wien, Naschmarkt, Yumi (vormals Pineapple), Stand 87 (vis à vis Linke Wienzeile 6, in der Nähe von Nordsee)


Auf dem Naschmarkt findet man nicht nur literarische Figuren wie die Frau Sopherl, man kann dort auch aktuelle Texte kennenlernen. In ein paar Tagen findet am Textstand die nächste Lesung statt, bei der zwei Bücher vorgestellt werden:

  • Während des Nationalsozialismus geboren, gehört Frau Hermi der Wirtschaftswunder-Generation an, die ihren Lebensabend als Witwe in einer Gemeindebauwohnung verbringt und über nicht unbeträchtliche Ersparnisse verfügt. Das weckt rasch Begehrlichkeiten bei den betreuenden Kräften Jiri und Draga…

Beppo Beyerl: Die alten Leiden der Frau Hermi, Edition Mokka, Wien, ISBN 978-3-902693-28-0

  • Schon die psychische und physische Ausstattung der Eltern lässt für den jungen Alois Faistenzeck wenig Gutes erhoffen. Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und die Wirren der Ersten Republik tun das Ihre, um seinen Lebensweg mit Fußangeln und Missgeschicken zu pflastern.

    Nie Subjekt seiner Geschichte, bleibt er ein Gebeutelter und Getriebener, der sich immer tiefer im Labyrinth des Unglücks verläuft. Sprachgewaltig inszeniert Thiel das Leben und Sterben eines „kleinen“ Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Geschichte von persönlichen und kollektiven Kalamitäten.

Georg Thiel: Im Labyrinth des Unglücks, Sonderzahl Verlag, Wien, ISBN: 978-3-85449-328-0

Zeit und Ort

4. 6. 2012, 19.00 Uhr
1060 Wien, Naschmarkt, Yumi (vormals Pineapple), Stand 87 (vis à vis Linke Wienzeile 6, in der Nähe von Nordsee)

Wien zum Lachen


200 Seiten Lektüre aus Wien...

Der Wiener Schmäh ist erstens legendär und zweitens unergründlich. Nun kann man ihn zumindest in geballter Form nachlesen.
Manfred Chobot und Gerald Jatzek haben Texte von H. C. Artmann über Beppo Beyerl, Ignaz Franz Castelli, Heli Deinboek, Christian Futscher, Elfriede Gerstl, Fritz Grünbaum, Eva Laber, Christine Nöstlinger, Andreas Okopenko, Alfred Polgar, Helmut Qualtinger, Karl Kraus, Jura Soyfer und Hugo Wiener bis Helmut Zenker zusammengestellt, die ein Panorama über mehr als 100 Jahre Wiener Satire und Humor bieten.
In den Texten spiegelt sich eine Haltung, die von heiterem Spott bis zur düster melancholischen Totaldesillusion reicht. Die Autorinnen und Autoren demonstrieren eine verkehrte Wiener Welt, sie stellen die Deformation von Mensch und Gesellschaft bloß und üben mitunter beißende Kritik an den Zuständen. Dadurch entsteht ein unverwechselbares Mosaik Wiens und der Eigenart dieser Stadt von der Donaumonarchie bis in unsere Gegenwart.
Ab sofort im Buchhandel:
Schmäh ohne, aber echt, 224 Seiten, gebunden, zahlreiche Abbildungen, Edition Mokka, Wien 2011, ISBN 978-3-902693-27-3

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