1. Die Niederlage

Am Morgen des 28. Oct. aber eilte Alles mit frischen Kräften zum neuen Kampfe. Gegen 10 Uhr Vormittags wurde der Angriff zugleich aus alle Linien der Stadt mit einer furchtbaren Kanonade eröffnet und Bomben in die Vorstädte, namentlich Wieden und Landstraße, geworfen, die auch bald in Flammen standen. Der Geschützdonner wurde bald so heftig, daß die Fenster in der Stadt sprangen und die Häuser erbebten. Mit Heldenmuth wurde überall gekämpft und der Tod nicht gescheut; wo ein Kämpfer stürzte, drängte sich auch schon ein anderer an seine Stelle; der Tod hielt eine furchtbare Ernte, besonders die Garden und Arbeiter, die wie Verzweifelte kämpften, wurden hart mitgenommen. Die Uebermacht des Militärs war zu groß und ein Häuslein nach dem andern mußte weichen, nachdem es vorher manchen braven Kamerad verloren, aber auch manchen Feind niedergestreckt hatte. Die Linien wurden endlich nach einem fürchterlichen Blutbad von dem Militär an verschiedenen Punkten gestürmt und nun begann der Kamps in den Straßen hinter den Barrikaden, gegen welche der Feind ein zerstörendes Kanonenfeuer eröffnete, während Bomben aus die Universität geworfen und die Vorstädte mit Granaten, Raketen und Shrapnels fast überschüttet wurden, wodurch viele Straßen in Brand geriethen und die Bewohner derselben entweder von den einstürzenden Häusern erschlagen oder von den Kanonenkugeln zerrissen wurden.

Illustration von Weld Taylor, in: Henry John Coke: Vienna in 1848, London 1849, S.34

Aus der Wieden wurden zwei Kinder, ein Knabe von 8 und ein Mädchen von 10 Jahren, von Kartätschen niedergestreckt, und eine Frau, die mit einem Korb voll Sachen aus einem brennenden Hause eilte, sank, von Shrapnels getroffen, zu Boden. — So tapfer auch die Barrikaden vertheidigt wurden, so mußten doch ihre Vertheidiger weichen, da das Geschütz dieselben bald zertrümmerte. Am Abend hatte der Feind bereits 30 Barrikaden genommen, den Glognitzer Bahnhof nach einem heißen Gefecht erstürmt und die große Maschinenfabrik in Brand gesteckt. Die Vorstädte waren größtentheils in der Gewalt des Militärs. Der Banus Jellachich hatte die Vorstädte Landstraße und Erdberg genommen, das Mauthgebäude am Glacis besetzt und war bis zum Eingange der Leopoldstadt vorgedrungen, von wo aus derselbe die Jägerzeile mit Zwölfpfündern beschießen ließ. Landstraße und Lerchenfeld hatte der Gras Auersperg besetzt, während Windischgrätz die Vorstädte Wieden, Gumpendorf, Mariahilf und Schottenfeld mit Bomben beschießen ließ. Das Feuern währte fast die ganze Nacht hindurch und der Himmel war mit Feuer übergossen, so daß man eine Stunde von Wien in dieser Nacht ganz bequem einen Brief beim Feuerscheine schreiben konnte.

(Johann Gottfried Zschaler: Das ewig unvergeßliche Jahr 1848 oder eine Chronik und ein Gedenkbuch, Dresden o.J., S.387)

2. Die Wurstigkeit

Ein Gang um die Basteien, nachdem die Vorstädte bereits von den Truppen besetzt waren, zeigte deutlich, mit welcher sorglosen Fröhlichkeit das Volk von Wien die Revolution betrieb. Besonders auffallend war dies am Rothenthurmthor, während am andern Ufer die Kroaten aus den Fenstern blickten. Hüben und drüben wurde gesungen; hier das Fuchslied, dort kroatische Weisen. Auf mich machte es einen ganz eigenthümlichen Eindruck, von der Kärnthnerthorbastei auf die Wieden hinauszublicken, die über und über mit weißen Fahnen geschmückt war und wo die Soldaten bis ans Glocis herabspazierten. Ich sah auch aus meinem Wohnhause eine große Friedensfahne wehen, und ich befand mich tausend Schritte davon noch mitten im Kriegsgetümmel. Dabei waren die Stadtthore offen! Einige unserer Mitglieder waren auf der Wieden draußen gewesen und erzählten uns, wie lustig es daselbst zuginge, wie vertraut die als Erzradikale verrufenen Wiedner mit den Soldaten verkehrten. Es gingen hierauf einige Collegen hinaus und kamen nicht wieder.

(Franz Schuselka: Das Revolutionsjahr: März 1848 – März 1849, Wien 1850, S. 411)

3. Der bürgerliche Alltag

(aus: Wiener Zeitung, 29. November 1848)

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