Beisl

Quelle: Wiener Beisln. Hg. Hubert Chr. Ehalt. Wien 1985

Alles mögt Ihr, alt und jung,
Mit Bedacht besorgen,
Von der Abenddämmerung
Bis zum hellen Morgen.

Darnach sollt Ihr jede Nacht
Euch als Trinker richten
Und erfüllen mit Bedacht
Eure Durstes-Pflichten.

Dieser Keller ist ein Amt,
Drin seid Ihr die Schwitzer.
Daß das Amt Euch recht entflammt,
Harret aus als Sitzer.

Eifer mög‘ Euch zeitlich schon
Nach den Fassetn treiben;
Dafür dürft Ihr dann zum Lohn
Desto langer bleiben.

Denkt niemal der Stundenzahl,
Die Euch vorgeschrieben;
Seid gewohnt, den Tonnensaal
Zeitlos fortzulieben.

Beugt Euch unwillkührlicher
Amtzeit-Überschreitung;
Schämt Euch vor ausführlicher
Durchgeh-Vorbereitung.

Bleibt im Bauch getreu dem Brauch,
Guten Wein zu nehmen;
Habt Ihr guten, mögt Ihr auch
Euch zu viel bequemen.

Gebet acht und seid bedacht,
In des Kellers Räumen,
Da Euch leuchtend lacht die Nacht,
Ja Nichts zu versäumen.

Merkt Euch, selber dürsten macht
Traurig unsre Kehle,
Bei der Andern Bürsten lacht
Nie die eigne Seele.

Trachtet, daß das Parlament
Hier in Kellers Gründen
Sich von Anfang bis zu End‘
Lustig mag verkünden.

Ehrt mit Miene, Wort und Schluck
Diese rechte Kammer,
Denket nie beim Gluck! Gluck! Gluck!
An den Katzenjammer.

Ludwig Gottfried Neumann (1813-1865), Beamter, Lehrer, Schriftsteller
aus: Trinklieder eines Wiener Poeten, Wien 1858

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