Das Schuljahr geht zu Ende. Aus diesem Anlass möchten wir die durch Fauna und Flora schweifenden Gedanken des Wiedner Gymnasialdirektors Dr. Valentin Teirich zum Schulschluss 1857 wiedergeben:

„Ihnen, meine wackern Kollegen, Ihnen zu danken, finde ich kaum Worte; nur wir wissen, was wir einander waren, wie wir uns brüderlich in Mühe und Arbeit getheilt, jeder selbst auf der eigenen Bahn vorwärtsstrebend und zugleich auch den andern auf der ihrigen vorwärtshelfend; dieses stille, freudige, tiefsinnige Bewusstsein ist das schönste, es ist der einzige Lohn des Lehrers; er ist kein bunter Falter, dessen Fittige der schillernde Staub des Ruhms schmückt, er ist kein Hamster, der nur für die eigene Speisekammer zusammenträgt, er ist wie die bescheidene Seidenraupe, die still und unbemerkt den kostbaren Stoff webt, aus dem die die Menschheit sich ihre herrlichsten Kleider bereitet. (…)

Das vergangene Jahr hat uns wohl auch manche herbe Prüfung auferlegt. Die Schule, welche ihren Zöglingen jenes wundervolle Bild von Ordnung und Gesetzmäßigkeit entrollt, das sich in der Natur offenbart, die Schule, welche den heranwachsenden Menschen daran gewöhnen soll, immerund überall im Leben Gesetz und Ordnung zu achten, muß beides auch in ihrem engern Kreise aufrecht erhalten; es ist die erste heiligste Pflicht des Lehrers, der Gerechtigkeit, wenn auch mit schwerem Herzen, ihren Lauf zu gönnen; wo wir gestraft, da haben wir strafen müßen, so gerne wir auch geschont hätten. Eben weil der Gärtner seine Blumen liebt, darf er des Unkrauts nicht schonen; es ist nicht der Hass gegen dieses, es ist die Liebe für seinen schönen duftenden Garten, die ihm dabei die Hand führt.“

(Quelle: Zweiter Jahresbericht über die Wiener Kommunal-Oberrealschule in der Vorstadt Wieden, Wien 1857)

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