Josef Wagner-Höhenberg (1870-1939): Die neuesten Nachrichten im Wirtshaus

Das Wirthshaus, Bierhaus, Gasthaus oder wie man diesen Brennpunkt der Wiener Geselligkeit sonst benennen mag, übt eine magische Anziehungskraft auf die Menge. Es gibt Bierhallen, Bierquellen, Biersalons u. s. w.

Diese Anstalten sind mitunter auf das Grandiöseste eingerichtet. Die Bierhalle nächst der Mariahilferlinie faßt mindestens 1000 Personen. Im Sommer schwärmt die zechlustige Bevölkerung auf dem Lande umher; einer der beliebtesten Ausflüge ist in dieser Hinsicht Liesing, ein Stationsplatz der Wien-Raaber Eisenbahn, allwo sich ein berühmtes Bräuhaus befindet. Besonders an Sonntagen geht es hier lärmend zu.

Oft geschah es, daß der trunkene Pöbelhaufe Steine zusammenraffte und den Train bombardirte, wenn er nicht schleunig genug in den meist überfüllten Waggons Platz finden konnte. Mancher sinnige und stille Naturfreund kehrt auf der Bahn aus dem Schoße der reizenden, majestätischen Alpenwelt heim; er hat sein Herz und seine Sinne geweidet an der wilden, und dennoch süß bezaubernden Herrlichkeit des Höllenthals; er hat vielleicht sogar die Höhe des Schneeberges erstiegen und die Phalanx der Gebirge, welche die Natur an Steiermarks Gränze theilweise mit blanken Schneekürassen aufstellte, bewundert; er trägt den kostbaren Eindruck in der Seele herum, und wiegt sich in der Fülle frischer, schöner Erinnerungen: — da führt ihn sein Mißgeschick mit einem wackelnden Trunkenbold zusammen, der ihn auf die Füße tritt, ihn durch abscheulichen Athem und häßliches Räuspern belästigt. Jedenfalls ist dies ein unangenehmes Abenteuer. Die sommersonntäglichen Passagiere der Wien-Raaber Bahn sind größtentheils solche, welche einen erfrischenden Landausflug unternehmen. Warum soll den guten Leuten ihr Vergnügen durch eine so heftig bezechte Gesellschaft gestört werden? Angenommen, daß es Manchem der Betheiligten nicht besser ergangen wäre, und er selbst schweren Schritts dahertaumeln würde, falls er in Liesing abgestiegen wäre: so kann ihm doch, wenn er eben nüchtern ist, das Zusammenpressen in den Waggons nicht gleichgültig sein. Gegen Unarten ist selbst der Unartige nicht tolerant.

Die Neigung zu Wirthshausvergnügungen ist bei den Wienern so eingewurzelt, daß es ihnen beinahe zum Bedürfnisse geworden ist, ihre paar erübrigten Kreuzer auf diese Weise durchzubringen. Der Arbeiter führt seine geliebte Grisette dahin; der Hausvater findet sich dort ein, umringt von seiner ganzen Familie. Die Leute glauben nicht, daß es recht wohl angehe, sich daheim einen guten Tag zu machen, nur das Wirthshaus erscheint ihnen in einem besonderen, transparenten Freudenscheine. Wie unendlich sittlicher und zugleich anregender ist ein anständiges Familienvergnügen. Aber es bedarf hiezu des Geistes der Häuslichkeit, der leider! in Wien seit jeher spärlich zu bemerken war, und von Tag zu Tag mehr schwindet.

(Quelle: Franz Tuvora: Briefe aus Wien von einem Eingebornen, Hamburg 1844)

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