Eine Altwiener Geschichte aus der Wieden von Franz Gräffer

Putten von Matscheko und Schrödl (1898), Wiedner Hauptstraße 14, Foto: Buchhändler - Creative Commons

Der junge Tuttifrutti und die junge Fruttitutti waren rasend in einander verliebt. Nun hätte man glauben sollen, daß schon die Alliteration ihrer Nahmen sie für einander bestimmt; aber dieser läppische Grund bewährte sich nicht.
Tuttifrutti und Fruttitutti wurden durch die Macht der Verhältnisse grausamlich auseinander gerissen. Tuttifrutti mußte in das weite Rußland hinein heirathen; Fruttitutti mußte in das enge Portugal hinaus heirathen.
Fünfzig Iahre hatten sie nichts von einander gehört; aber während dieser Zeit blieben sie nach wie vor dennoch rasend in einander verliebt, obschon Beyde recht glücklich hinein und hinaus verheirathet waren.
Tuttifrutti dachte täglich mit enormer Sehnsucht an Fruttitutti; Fruttitutti dachte täglich mit enormer Sehnsucht an Tuttifrutti. Schönes und seltenes Zeichen der Treue!
Eines Tages, was geschieht? Es war den 17. September. An einem 17. September erhält Fruttitutti aus St. Petersburg ein Schreiben ihres Tuttifrutti mit der Nachricht, daß seine Gattinn das Zeitliche gesegnet; und an demselben 17. September erhielt Tuttifrutti aus Lissabon ein Schreiben seiner Fruttitutti mit der Nachricht, daß ihr Gatte das Zeitliche gesegnet.
Eines andern Tages, was geschieht? Es war gerade zwey Monathe darauf; es war den 17. November. An einem 17. November kommt von Tuttifrutti in St. Petersburg an Fruttitutti in Lissabon ein Brief mit der Einladung, sich den 17. Iänner künftigen Iahres im Gasthaus zum „rothen Rössel“ auf der Wieden in Wien einzufinden; man werde sich dann endlich heirathen, und endlich mit einander glücklich seyn. An demselben 17. November kommt von Fruttitutti in Lissabon an Tuttifrutti in St. Petersburg ein Brief mit der Einladung, sich den 17. Iänner künftigen Iahres im Gasthaus zum „rothen Rössel“ auf der Wieden in Wien einzufinden; man werde sich dann endlich heirathen, und endlich mit einander glücklich seyn. Das stand ganz wörtlich genau in dem einen wie in dem andern Briefe, was deutlich genug anzeigt, welch erstaunliche Sympathie in Fruttitutti und Tuttifrutti herrschte; welcher Emklang der Gefühle, welche Übereinstimmung der Formen ic.! Und das Alles noch nach vollen fünfzig Iahren! Beyspiellos!
Der 17. Iänner erscheint. Es ist 12 Uhr Mittags. Der Schauplatz ist das Hausthor des „rothen Rössels“ auf der Wieden in Wien. Man sieht zwey Reisewägen herankommen; einen von der linken, den andern von der rechten Seite, gerade auf einander los. Sie halten, Man erblickt in dem einen Wagen einen alten Herrn, der ein Miniatur-Porträt in der Hand hält, und mit der größten Aufmerksamkeit betrachtet, ein weibliches Porträt. Man erblickt in dem andern Wagen eine alte Frau, die ein Miniatur-Porträt in der Hand hält und mit der größten Aufmerksamkeit betrachtet, ein männliches Porträt.
Die beyden Reisenden steigen aus, in einem und demselben Augenblick. Der alte Herr und die alte Frau gehen auf einander los. Er wirft einen Blick auf sie; sie wirft einen Blick auf ihn. Er schaudert und tritt einen Schritt zurück; sie schaudert und tritt einen Schritt zurück. Beyde schaudern ein zweytes Mahl; Beyde treren einen zweyten Schritt zurück. Er und sie, ein Iedes vergleicht das in der Hand gehaltene Porträt mit der gegenüber stehenden schaudernden Original-Person. Endlich fassen sie sich. „Ist es möglich,“ ruft Tuttifrutti aus, „daß Fruttltutti sich so erschrecklich verändert hat? Abscheulicher Tutti!“ „Ist es möglich,“ ruft Fruttitutti aus, „daß Tuttifrutti sich so erschrecklich verändert hat? Abscheuliche Frutti!“
Fruttitutti und Tuttifrutti sahen sich nach dieser Erclamacion wehmüthig musternd an, und seufzten.
Beyde hatten vergessen, daß man im Verlaufe eines halben Iahrhunderts etwas älter wird. Aber Beyde ermannten sich, und riefen, jedoch mit großer Zärtlichkeit gleichzeitig aus: „So lebe denn wohl! Wir kehren wieder um, und werden uns von St. Petersburg und Lissabon aus unendlich lieb, haben.“ Glückliche Reise!
Die Scene war so erschütternd, daß das „rothe Rössel“ neu hat gebaut werden müssen.

(Aus: Franz Gräffer: Wienerische Kurzweil, Wien 1846)

Anmerkung: Das Haus Zum rothen Rössel an der Abzweigung der Favoritenstraße wurde 1838 von Franz Xaver Lössl erbaut.

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