Tag Archive: Wieden


Ein Lehrer ist kein Hamster

Das Schuljahr geht zu Ende. Aus diesem Anlass möchten wir die durch Fauna und Flora schweifenden Gedanken des Wiedner Gymnasialdirektors Dr. Valentin Teirich zum Schulschluss 1857 wiedergeben:

“Ihnen, meine wackern Kollegen, Ihnen zu danken, finde ich kaum Worte; nur wir wissen, was wir einander waren, wie wir uns brüderlich in Mühe und Arbeit getheilt, jeder selbst auf der eigenen Bahn vorwärtsstrebend und zugleich auch den andern auf der ihrigen vorwärtshelfend; dieses stille, freudige, tiefsinnige Bewusstsein ist das schönste, es ist der einzige Lohn des Lehrers; er ist kein bunter Falter, dessen Fittige der schillernde Staub des Ruhms schmückt, er ist kein Hamster, der nur für die eigene Speisekammer zusammenträgt, er ist wie die bescheidene Seidenraupe, die still und unbemerkt den kostbaren Stoff webt, aus dem die die Menschheit sich ihre herrlichsten Kleider bereitet. (…)

Das vergangene Jahr hat uns wohl auch manche herbe Prüfung auferlegt. Die Schule, welche ihren Zöglingen jenes wundervolle Bild von Ordnung und Gesetzmäßigkeit entrollt, das sich in der Natur offenbart, die Schule, welche den heranwachsenden Menschen daran gewöhnen soll, immerund überall im Leben Gesetz und Ordnung zu achten, muß beides auch in ihrem engern Kreise aufrecht erhalten; es ist die erste heiligste Pflicht des Lehrers, der Gerechtigkeit, wenn auch mit schwerem Herzen, ihren Lauf zu gönnen; wo wir gestraft, da haben wir strafen müßen, so gerne wir auch geschont hätten. Eben weil der Gärtner seine Blumen liebt, darf er des Unkrauts nicht schonen; es ist nicht der Hass gegen dieses, es ist die Liebe für seinen schönen duftenden Garten, die ihm dabei die Hand führt.”

(Quelle: Zweiter Jahresbericht über die Wiener Kommunal-Oberrealschule in der Vorstadt Wieden, Wien 1857)

Der vierte Wiener Gemeindebezirk wurde 1850 aus mehreren Vorstädten gebildet, darunter der namensgebenden Wieden. Die zentrale Verkehrsverbindung ist die Wiedner Hauptstraße, die bereits im römischen Wien Teil eines Verkehrsweges in den Süden war.

J. Ziegler: Aussicht gegen die Vorstädte Vieden und Vien, Wien 1780; © Österreichische Nationalbibliothek. Das Bild zeigt den Wienfluss und das riesige Freihaus.


Das imposanteste Gebäude des Bezirks war lange Zeit das aus dem 17. Jahrhundert stammende Freihaus, ein riesiger Gebäudekomplex zwischen der Resselgasse und der Schleifmühlgasse. Es wurde mehrmals zerstört und wieder aufgebaut und umfasste Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem einen schlossartigen Trakt, Wohnungen, Handwerksbetriebe, Stallungen, Märkte und die Rosalienkapelle, die heute auf dem Naschmarkt steht. Im Freihaustheater wurde 1787 Mozarts Zauberflöte uraufgeführt.

© August Stauda

Der Fotograf August Stauda eröffnete 1885 sein Atelier auf der Wieden. 1898 erhielt er den Auftrag, die Alt-Wiener Häuser in allen Bezirken und Vororten für das Wiener Städtische Museum zu dokumentieren. Dabei entstand 1901 die Aufnahme des Hauses Kleine Neugasse 9, genannt Löwenhaus. Es befand sich gegenüber dem Schluwi.

1902 übersiedelte der Naschmarkt an seinen heutigen Platz und lag damit zur Hälfte in Mariahilf und zur Hälfte in der Wieden. 2009 wurden die Bezirksgrenzen neu gezogen. Seither gehört der Naschmarkt gänzlich zum 6. Bezirk. Schade, eigentlich.

1905 errichtete Carl Wollek den Mozartbrunnen auf dem Mozartplatz, der an die Uraufführung der Zauberflöte 1791 im Freihaustheater erinnert.

Eine Altwiener Geschichte aus der Wieden von Franz Gräffer

Putten von Matscheko und Schrödl (1898), Wiedner Hauptstraße 14, Foto: Buchhändler - Creative Commons

Der junge Tuttifrutti und die junge Fruttitutti waren rasend in einander verliebt. Nun hätte man glauben sollen, daß schon die Alliteration ihrer Nahmen sie für einander bestimmt; aber dieser läppische Grund bewährte sich nicht.
Tuttifrutti und Fruttitutti wurden durch die Macht der Verhältnisse grausamlich auseinander gerissen. Tuttifrutti mußte in das weite Rußland hinein heirathen; Fruttitutti mußte in das enge Portugal hinaus heirathen.
Fünfzig Iahre hatten sie nichts von einander gehört; aber während dieser Zeit blieben sie nach wie vor dennoch rasend in einander verliebt, obschon Beyde recht glücklich hinein und hinaus verheirathet waren.
Tuttifrutti dachte täglich mit enormer Sehnsucht an Fruttitutti; Fruttitutti dachte täglich mit enormer Sehnsucht an Tuttifrutti. Schönes und seltenes Zeichen der Treue!
Eines Tages, was geschieht? Es war den 17. September. An einem 17. September erhält Fruttitutti aus St. Petersburg ein Schreiben ihres Tuttifrutti mit der Nachricht, daß seine Gattinn das Zeitliche gesegnet; und an demselben 17. September erhielt Tuttifrutti aus Lissabon ein Schreiben seiner Fruttitutti mit der Nachricht, daß ihr Gatte das Zeitliche gesegnet.
Eines andern Tages, was geschieht? Es war gerade zwey Monathe darauf; es war den 17. November. An einem 17. November kommt von Tuttifrutti in St. Petersburg an Fruttitutti in Lissabon ein Brief mit der Einladung, sich den 17. Iänner künftigen Iahres im Gasthaus zum “rothen Rössel” auf der Wieden in Wien einzufinden; man werde sich dann endlich heirathen, und endlich mit einander glücklich seyn. An demselben 17. November kommt von Fruttitutti in Lissabon an Tuttifrutti in St. Petersburg ein Brief mit der Einladung, sich den 17. Iänner künftigen Iahres im Gasthaus zum “rothen Rössel” auf der Wieden in Wien einzufinden; man werde sich dann endlich heirathen, und endlich mit einander glücklich seyn. Das stand ganz wörtlich genau in dem einen wie in dem andern Briefe, was deutlich genug anzeigt, welch erstaunliche Sympathie in Fruttitutti und Tuttifrutti herrschte; welcher Emklang der Gefühle, welche Übereinstimmung der Formen ic.! Und das Alles noch nach vollen fünfzig Iahren! Beyspiellos!
View full article »

Der Herr Beyerl, der was in Meidling wohnt, wurde trotz der zu diesem Behufe notwendigen Durchquerung des fünften Bezirks bereits öfters im Schlupfwinkel gesichtet. Gemeinsam mit Rudi Hieblinger hat er, beginnend in der Wieden, eine Abschweifung vom Bobo- ins Prolo-Wien beschritten. Dazu merkt er an:

“Wir beide begaben uns auf eine Stadtwanderung der besonderen Art. Wir starteten in der Paniglgasse in der Nähe des Karlsplatzes – und endeten in der Meidlinger Pinaglgasse. Freilich, unsere Route war nicht linear, Abschweifungen sind ja intregrale Bestandteile jedes zielorientierten Weges. Sorgsam ausgewählte Umwege führten uns etwa zum legendären 13er, zum Buchhändler Posch, ins Wirtshaus Sittl am Gürtel und über die Panikengasse zum ehemaligen Meiselmarkt. Über den Meidlinger Friedhof gelangten wir endlich zu unserem lang ersehnten Ziel: In die Meidlinger Pinaglgasse, einer Hundescheißzone mit nur einem Haus, das ausgerechnet die Nummer drei trägt.

Bei unserem Start in der Wieden versuchten wir zu ergründen: Wer oder was ist ein Panigl? Da gab es den Cafetier Panigl, der 1957 im Film Ober, zahlen! seine beiden Oberkellner Franz (Hans Moser) und Gustav (Paul Hörbiger) im Café Panigl auf Trab hält; weiters einen Triestiner Weinhändler namens Enrico Panigl, dessen amoröse Geschäfte ihn in der Monarchie bis nach Wien brachten; und zuletzt noch das Altwiener Bürgergeschlecht der Panigl, die hier lebten, wirkten und es sich wohl ergehen ließen.

Schließlich untersuchten wir die etymologische Herkunft von der Wieden. Nun, der Name leitet sich höchstwahrscheinlich vom lateinischen wittum ab, einer Witwenversorgungsanstalt. Wenn das keinen guten Grund darstellt, um im Bezirk zu verweilen!

Wir jedoch wanderten weiter, übers Freihausviertel und die Margaretenstraße bis… aber das können Sie ja im Buch nachlesen.”

Beppo Beyerl und Rudi Hieblinger: Von der Panigl- in die Pinaglgasse, Löcker-Verlag, Wien 2010

Griaß eich!

Hier erfahrt ihr, was im Schluwi los ist und welche Konsequenzen das für den Rest der Welt hat.
Aktuell sind die Vorbereitungen für das  Schluwiquiz, das erstmals am 30. Jänner 2010 über die Bühne geht.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.