Kategorie: Nachbarschaft


Margareten ist seit 150 Jahren ein eigenständiger Bezirk. Er wurde mit Beschluss vom 2.8.1861 vom 4. Bezirk abgetrennt, weil die bürgerlichen Bewohner der vormaligen Vorstädte Wieden und Schaumburgergrund nichts mit den Arbeitern und Habenichtsen in den anderen eingemeindeten Vorstädten zu tun haben wollten.
Diese wurden selbstverständlich nicht gefragt: Wie Klusacek/Stimmer berichten, durften 1850 gerade 6.000 Wahlberechtigte Wiens ersten Gemeinderat wählen. Die offizielle Einwohnerzahl betrug 400.000. Selbst das war Kaiser Franz Joseph I zu demokratisch. Er hob bereits 1851 das Gemeindegesetz wieder auf und durfte in der Folge selbst neue Gemeinderäte ernennen.
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Im Roten Wien (ab 1918) hatte der Kampf gegen die Wohnungsnot Priorität:

  • 1917 hatten 95% der Wiener Wohnungen keine eigene Wasserleitung.
  • 1917 verfügten 92% der Wiener Wohnungen über kein eigenes Klosett.
  • Die hohen Mieten der Zinshäuser verschlangen rund ein Viertel des Arbeiterlohns und brachten den Hausherren Renditen bis zu 25 %. Im Durchschnitt waren diese Wohnungen 20m2 groß.

Metzleinstaler Hof, 1923, Foto: Bezirksmuseum Margareten

Bis 1938 errichtete die Stadt 64.000 Wohnungen. Der erste Gemeindebau steht am Margaretengürtel 90–98. Die Wohnungen im Metzleinstaler Hof (1920 , zweiter Teil 1924) hatten, entsprechend den Ideen des Sozialen Wohnbaus, echte Fenster in allen Räumen (also keine Gangfenster oder Fenster in Lichthöfe).
Revolutionär waren die sozialen Einrichtungen des Gebäudes wie die Waschküche, das Tröpferlbad (Badeanstalt), ein Kindergarten, eine Bibliothek und eine Lehrlingswerkstatt.

Alte Ansicht des 1924/26 errichteten Reumannhofs am Margaretengürtel 100–110

Literatur
Wolfgang Speiser: Paul Speiser und das Rote Wien, Wien-München 1979
Link
Dagmar Schulz: Das Rote Wien – Sozialer Wohnbau (Powerpoint)

Der vierte Wiener Gemeindebezirk wurde 1850 aus mehreren Vorstädten gebildet, darunter der namensgebenden Wieden. Die zentrale Verkehrsverbindung ist die Wiedner Hauptstraße, die bereits im römischen Wien Teil eines Verkehrsweges in den Süden war.

J. Ziegler: Aussicht gegen die Vorstädte Vieden und Vien, Wien 1780; © Österreichische Nationalbibliothek. Das Bild zeigt den Wienfluss und das riesige Freihaus.


Das imposanteste Gebäude des Bezirks war lange Zeit das aus dem 17. Jahrhundert stammende Freihaus, ein riesiger Gebäudekomplex zwischen der Resselgasse und der Schleifmühlgasse. Es wurde mehrmals zerstört und wieder aufgebaut und umfasste Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem einen schlossartigen Trakt, Wohnungen, Handwerksbetriebe, Stallungen, Märkte und die Rosalienkapelle, die heute auf dem Naschmarkt steht. Im Freihaustheater wurde 1787 Mozarts Zauberflöte uraufgeführt.

© August Stauda

Der Fotograf August Stauda eröffnete 1885 sein Atelier auf der Wieden. 1898 erhielt er den Auftrag, die Alt-Wiener Häuser in allen Bezirken und Vororten für das Wiener Städtische Museum zu dokumentieren. Dabei entstand 1901 die Aufnahme des Hauses Kleine Neugasse 9, genannt Löwenhaus. Es befand sich gegenüber dem Schluwi.

1902 übersiedelte der Naschmarkt an seinen heutigen Platz und lag damit zur Hälfte in Mariahilf und zur Hälfte in der Wieden. 2009 wurden die Bezirksgrenzen neu gezogen. Seither gehört der Naschmarkt gänzlich zum 6. Bezirk. Schade, eigentlich.

1905 errichtete Carl Wollek den Mozartbrunnen auf dem Mozartplatz, der an die Uraufführung der Zauberflöte 1791 im Freihaustheater erinnert.

Eine Altwiener Geschichte aus der Wieden von Franz Gräffer

Putten von Matscheko und Schrödl (1898), Wiedner Hauptstraße 14, Foto: Buchhändler - Creative Commons

Der junge Tuttifrutti und die junge Fruttitutti waren rasend in einander verliebt. Nun hätte man glauben sollen, daß schon die Alliteration ihrer Nahmen sie für einander bestimmt; aber dieser läppische Grund bewährte sich nicht.
Tuttifrutti und Fruttitutti wurden durch die Macht der Verhältnisse grausamlich auseinander gerissen. Tuttifrutti mußte in das weite Rußland hinein heirathen; Fruttitutti mußte in das enge Portugal hinaus heirathen.
Fünfzig Iahre hatten sie nichts von einander gehört; aber während dieser Zeit blieben sie nach wie vor dennoch rasend in einander verliebt, obschon Beyde recht glücklich hinein und hinaus verheirathet waren.
Tuttifrutti dachte täglich mit enormer Sehnsucht an Fruttitutti; Fruttitutti dachte täglich mit enormer Sehnsucht an Tuttifrutti. Schönes und seltenes Zeichen der Treue!
Eines Tages, was geschieht? Es war den 17. September. An einem 17. September erhält Fruttitutti aus St. Petersburg ein Schreiben ihres Tuttifrutti mit der Nachricht, daß seine Gattinn das Zeitliche gesegnet; und an demselben 17. September erhielt Tuttifrutti aus Lissabon ein Schreiben seiner Fruttitutti mit der Nachricht, daß ihr Gatte das Zeitliche gesegnet.
Eines andern Tages, was geschieht? Es war gerade zwey Monathe darauf; es war den 17. November. An einem 17. November kommt von Tuttifrutti in St. Petersburg an Fruttitutti in Lissabon ein Brief mit der Einladung, sich den 17. Iänner künftigen Iahres im Gasthaus zum “rothen Rössel” auf der Wieden in Wien einzufinden; man werde sich dann endlich heirathen, und endlich mit einander glücklich seyn. An demselben 17. November kommt von Fruttitutti in Lissabon an Tuttifrutti in St. Petersburg ein Brief mit der Einladung, sich den 17. Iänner künftigen Iahres im Gasthaus zum “rothen Rössel” auf der Wieden in Wien einzufinden; man werde sich dann endlich heirathen, und endlich mit einander glücklich seyn. Das stand ganz wörtlich genau in dem einen wie in dem andern Briefe, was deutlich genug anzeigt, welch erstaunliche Sympathie in Fruttitutti und Tuttifrutti herrschte; welcher Emklang der Gefühle, welche Übereinstimmung der Formen ic.! Und das Alles noch nach vollen fünfzig Iahren! Beyspiellos!
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…kann man auf dem Haus Nr. 18 noch lesen, dass hier Teofil Kotykiewicz einst eine Harmoniumfabrik betrieb. Kotykiewicz (1849-1920). Gründer der Firma war der Orgelbauer Peter Titz (1823-1873), dessen Tochter Kotykiewicz heiratete.

Kotykiewicz entwickelte zahlreiche Aktivitäten rund um das Instrument. Unter anderem war er in der Innung der Klavierbauer aktiv, regte die Gründung der Gesellschaft der Harmoniumfreunde an und engagierte sich in Vereinigungen der Polen in Wien.

Das Harmonium ist ein Tasteninstrument mit einem Blasbalg.

Für seine Erfindungen im Bereich des Harmoniums erhielt er unter anderem eine Goldmedaille bei der Wiener Weltausstellung 1873.

Der Herr Beyerl, der was in Meidling wohnt, wurde trotz der zu diesem Behufe notwendigen Durchquerung des fünften Bezirks bereits öfters im Schlupfwinkel gesichtet. Gemeinsam mit Rudi Hieblinger hat er, beginnend in der Wieden, eine Abschweifung vom Bobo- ins Prolo-Wien beschritten. Dazu merkt er an:

“Wir beide begaben uns auf eine Stadtwanderung der besonderen Art. Wir starteten in der Paniglgasse in der Nähe des Karlsplatzes – und endeten in der Meidlinger Pinaglgasse. Freilich, unsere Route war nicht linear, Abschweifungen sind ja intregrale Bestandteile jedes zielorientierten Weges. Sorgsam ausgewählte Umwege führten uns etwa zum legendären 13er, zum Buchhändler Posch, ins Wirtshaus Sittl am Gürtel und über die Panikengasse zum ehemaligen Meiselmarkt. Über den Meidlinger Friedhof gelangten wir endlich zu unserem lang ersehnten Ziel: In die Meidlinger Pinaglgasse, einer Hundescheißzone mit nur einem Haus, das ausgerechnet die Nummer drei trägt.

Bei unserem Start in der Wieden versuchten wir zu ergründen: Wer oder was ist ein Panigl? Da gab es den Cafetier Panigl, der 1957 im Film Ober, zahlen! seine beiden Oberkellner Franz (Hans Moser) und Gustav (Paul Hörbiger) im Café Panigl auf Trab hält; weiters einen Triestiner Weinhändler namens Enrico Panigl, dessen amoröse Geschäfte ihn in der Monarchie bis nach Wien brachten; und zuletzt noch das Altwiener Bürgergeschlecht der Panigl, die hier lebten, wirkten und es sich wohl ergehen ließen.

Schließlich untersuchten wir die etymologische Herkunft von der Wieden. Nun, der Name leitet sich höchstwahrscheinlich vom lateinischen wittum ab, einer Witwenversorgungsanstalt. Wenn das keinen guten Grund darstellt, um im Bezirk zu verweilen!

Wir jedoch wanderten weiter, übers Freihausviertel und die Margaretenstraße bis… aber das können Sie ja im Buch nachlesen.”

Beppo Beyerl und Rudi Hieblinger: Von der Panigl- in die Pinaglgasse, Löcker-Verlag, Wien 2010

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