Kategorie: Fundstücke


Ein Lehrer ist kein Hamster

Das Schuljahr geht zu Ende. Aus diesem Anlass möchten wir die durch Fauna und Flora schweifenden Gedanken des Wiedner Gymnasialdirektors Dr. Valentin Teirich zum Schulschluss 1857 wiedergeben:

“Ihnen, meine wackern Kollegen, Ihnen zu danken, finde ich kaum Worte; nur wir wissen, was wir einander waren, wie wir uns brüderlich in Mühe und Arbeit getheilt, jeder selbst auf der eigenen Bahn vorwärtsstrebend und zugleich auch den andern auf der ihrigen vorwärtshelfend; dieses stille, freudige, tiefsinnige Bewusstsein ist das schönste, es ist der einzige Lohn des Lehrers; er ist kein bunter Falter, dessen Fittige der schillernde Staub des Ruhms schmückt, er ist kein Hamster, der nur für die eigene Speisekammer zusammenträgt, er ist wie die bescheidene Seidenraupe, die still und unbemerkt den kostbaren Stoff webt, aus dem die die Menschheit sich ihre herrlichsten Kleider bereitet. (…)

Das vergangene Jahr hat uns wohl auch manche herbe Prüfung auferlegt. Die Schule, welche ihren Zöglingen jenes wundervolle Bild von Ordnung und Gesetzmäßigkeit entrollt, das sich in der Natur offenbart, die Schule, welche den heranwachsenden Menschen daran gewöhnen soll, immerund überall im Leben Gesetz und Ordnung zu achten, muß beides auch in ihrem engern Kreise aufrecht erhalten; es ist die erste heiligste Pflicht des Lehrers, der Gerechtigkeit, wenn auch mit schwerem Herzen, ihren Lauf zu gönnen; wo wir gestraft, da haben wir strafen müßen, so gerne wir auch geschont hätten. Eben weil der Gärtner seine Blumen liebt, darf er des Unkrauts nicht schonen; es ist nicht der Hass gegen dieses, es ist die Liebe für seinen schönen duftenden Garten, die ihm dabei die Hand führt.”

(Quelle: Zweiter Jahresbericht über die Wiener Kommunal-Oberrealschule in der Vorstadt Wieden, Wien 1857)

Josef Wagner-Höhenberg (1870-1939): Die neuesten Nachrichten im Wirtshaus

Das Wirthshaus, Bierhaus, Gasthaus oder wie man diesen Brennpunkt der Wiener Geselligkeit sonst benennen mag, übt eine magische Anziehungskraft auf die Menge. Es gibt Bierhallen, Bierquellen, Biersalons u. s. w.
Diese Anstalten sind mitunter auf das Grandiöseste eingerichtet. Die Bierhalle nächst der Mariahilferlinie faßt mindestens 1000 Personen. Im Sommer schwärmt die zechlustige Bevölkerung auf dem Lande umher; einer der beliebtesten Ausflüge ist in dieser Hinsicht Liesing, ein Stationsplatz der Wien-Raaber Eisenbahn, allwo sich ein berühmtes Bräuhaus befindet. Besonders an Sonntagen geht es hier lärmend zu.
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Eine Altwiener Geschichte aus der Wieden von Franz Gräffer

Putten von Matscheko und Schrödl (1898), Wiedner Hauptstraße 14, Foto: Buchhändler - Creative Commons

Der junge Tuttifrutti und die junge Fruttitutti waren rasend in einander verliebt. Nun hätte man glauben sollen, daß schon die Alliteration ihrer Nahmen sie für einander bestimmt; aber dieser läppische Grund bewährte sich nicht.
Tuttifrutti und Fruttitutti wurden durch die Macht der Verhältnisse grausamlich auseinander gerissen. Tuttifrutti mußte in das weite Rußland hinein heirathen; Fruttitutti mußte in das enge Portugal hinaus heirathen.
Fünfzig Iahre hatten sie nichts von einander gehört; aber während dieser Zeit blieben sie nach wie vor dennoch rasend in einander verliebt, obschon Beyde recht glücklich hinein und hinaus verheirathet waren.
Tuttifrutti dachte täglich mit enormer Sehnsucht an Fruttitutti; Fruttitutti dachte täglich mit enormer Sehnsucht an Tuttifrutti. Schönes und seltenes Zeichen der Treue!
Eines Tages, was geschieht? Es war den 17. September. An einem 17. September erhält Fruttitutti aus St. Petersburg ein Schreiben ihres Tuttifrutti mit der Nachricht, daß seine Gattinn das Zeitliche gesegnet; und an demselben 17. September erhielt Tuttifrutti aus Lissabon ein Schreiben seiner Fruttitutti mit der Nachricht, daß ihr Gatte das Zeitliche gesegnet.
Eines andern Tages, was geschieht? Es war gerade zwey Monathe darauf; es war den 17. November. An einem 17. November kommt von Tuttifrutti in St. Petersburg an Fruttitutti in Lissabon ein Brief mit der Einladung, sich den 17. Iänner künftigen Iahres im Gasthaus zum “rothen Rössel” auf der Wieden in Wien einzufinden; man werde sich dann endlich heirathen, und endlich mit einander glücklich seyn. An demselben 17. November kommt von Fruttitutti in Lissabon an Tuttifrutti in St. Petersburg ein Brief mit der Einladung, sich den 17. Iänner künftigen Iahres im Gasthaus zum “rothen Rössel” auf der Wieden in Wien einzufinden; man werde sich dann endlich heirathen, und endlich mit einander glücklich seyn. Das stand ganz wörtlich genau in dem einen wie in dem andern Briefe, was deutlich genug anzeigt, welch erstaunliche Sympathie in Fruttitutti und Tuttifrutti herrschte; welcher Emklang der Gefühle, welche Übereinstimmung der Formen ic.! Und das Alles noch nach vollen fünfzig Iahren! Beyspiellos!
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